BURGUND                                                             Angelika Gutsche

Burgund / Bourgogne
Eine Reise durch ein Kernland des europäischen Mittelalters


Reisezeit 10. bis 24. September 2018

 

Diese Reise war eine – auch im klassischen Sinne – Bildungsreise. Wir haben viel gelernt über das dunkle Mittelalter mit der maßgeblichen Rolle, die burgundische Herzöge darin spielten, über Religionsgeschichte und der Bedeutung neugegründeter Orden und deren Klöster, über Baugeschichte und Kultur mit dem Hauptaugenmerk auf romanischer und gotischer Architektur und Kunst, aber auch über Käseherstellung am Beispiel des leckeren fromage Epoisses, über Weinerzeugung anhand der edlen Burgundertropfen sowie über die Zubereitung von Rindfleisch à la bourgogne.

 

01 StepMap-Karte-Burgund

Die Anreise

Wir fahren von München über den Bodensee nach Frankreich. Da wunderbar warmes Spätsommerwetter herrscht, legen wir am Bodensee in Kressbronn, Campingplatz Iriswiese, einen zweitägigen Stopp ein. Dort können wir erst einmal uns und den Camper sortieren und uns vom Aufbruchstress erholen.

02 Camper

Der Campingplatz ist sehr voll und der uns zugewiesene Stellplatz sehr eng. Unser kleiner Nissan ist zwischen Dauercampern eingepfercht, gerade bleibt ein Plätzchen, um Tisch und Stühle aufzustellen. Allerdings entschädigt das Baden im klaren und warmen See für den eher gewöhnungsbedürftigen Standplatz. Es gibt sogar einen Strandabschnitt, der auch für Hunde erlaubt ist. Ein Nachteil: Wirklich sehr große Steine im Uferbereich erschweren das Ins-Wasser-Gehen gewaltig. Der Campingplatzladen ist darauf eingestellt: Wer keine Badeschuhe dabei hat, kann sich hier mit neuen versorgen.

04 Bodensee Strand

Das Wasser glitzert in der Sonne, viele Segelboote sind auf dem See unterwegs und auf der anderen Uferseite sieht man die schweizerischen Ortschaften. Über uns zieht ein Zeppelin, gestartet von der Zeppelin GmbH in Ludwigshafen, seine Bahnen. Man kann Zeppelin-Flüge von 30 bis 120 Minuten Dauer buchen, deren Routen über den Bodensee führen.

05 Bodensee Zeppelin

Langsam gewöhnen wir uns auch an die beschränkte Örtlichkeit. Urlaubsgelassenheit stellt sich ein. Die Pappeln schwanken majestätisch im Wind, die frechen Spatzen picken die Semmelbröselchen auf und Tauben bekacken unser Autodach.

Von Strandleben, Wasser und Sonne gestärkt, fahren wir zwei Tage später weiter Richtung Frankreich. Unser erstes Ziel heißt Belfort. Unsere Route über Friedrichshafen, Überlingen, Schaffhausen entwickelt sich zur reinen Nervenprobe. Eine schreckliche Fahrt! Entlang des Bodensees löst ein Stau den nächsten ab. Baustellen, Lkw-Verkehr, Umleitungen. Im Länderdreieck Deutschland, Schweiz, Frankreich wird das Vorwärtskommen noch mühsamer. Wir müssen drei Grenzen überqueren: Von Deutschland in die Schweiz, von der Schweiz zurück nach Deutschland, dann wieder in die Schweiz und endlich die Einreise nach Frankreich. Erstaunlich: Keiner der Grenzübergänge ist besetzt, man kann überall einfach durchfahren. Dabei ist die Schweiz doch kein EU-Land.

Endlich in Frankreich, lassen wir uns vom Navi durch den Ort Hésingue leiten. Wir sind genervt, denn Baustellen machen die Durchfahrt oft nicht möglich. Und dann passiert es: Vor uns eine Unterführung, das Navi zeigt geradeaus an. Ich fahre in die Unterführung ein, gottseidank langsam, denn es knirscht „raaatsch“! Klar, unser Camper war zu hoch. Rückwärtsgang einlegen, langsam zurücksetzen, die Autofahrer hinter uns fluchen, weil auch sie alle rückwärts bergauf fahren müssen. Es wird mir mächtig heiß! Endlich ist es geschafft und wir können in einer Nebenstraße wenden. Wir steuern einen Parkplatz an und begutachten den Schaden. Es ist nicht so schlimm: Die Galerie ist beschädigt und das Dach hat ein paar Schrammen. Bei der Fahrt durch das Elsass mit Dörfern mit wunderschönen Fachwerkhäusern erholen wir uns vom Schrecken.

Belfort

Unser Ziel Belfort erreichen wir erst abends nach über sechs Stunden Fahrt. Der parkähnlich angelegte Campingplatz ist nur mäßig belegt und liegt sehr hübsch an einem See mit Park. Um es gleich vorweg zu nennen: Alle im Verlauf unserer Reise angefahrenen Campingplätze waren nett angelegt und sauber, manche moderner, manche älterer Bauart, einige mit Pool. Die Preise für einen Camper/zwei Personen/zwei Hunde bewegten sich für eine Nacht zwischen 15 und 25 Euro.

07 Belfort Campingplatz

Überraschung: Der Campingplatz hat einen super Swimmingpool! Die Badesachen hatte ich am Bodensee weggepackt, dachte, das war's für dieses Jahr. Jetzt werden sie wieder ausgepackt. Es hat fast 30° C – schönstes Sommerwetter. Welch ein Genuss, ein Bad im Pool nach dieser langen Fahrt.

Mit den Hunden machen wir dann einen Spaziergang in dem wirklich wunderbar angelegten Park Etang des Forges (Teich der Schmieden), der zu den Sehenswürdigkeiten von Belfort zählt.

06 Belfort Etang des Forges

Ich hatte mich schon sehr auf die französische Küche gefreut. Doch das Abendessen im Campingplatzrestaurant ist ein einziger Frust: Es dauert ewig bis ein einsames, halbrohes, fast kaltes Fleischpflanzerl mit einigen pappigen Pommes für schlappe 12 Euro serviert wird. Wenigstens gibt es am nächsten Morgen fürs Frühstück knuspriges Baquette und leckere Croissants zu kaufen.

Da ich keine versierte Frankreich-Reisende bin, erstaunen mich die Wasch- und Toilettenräume. Die Franzosen nehmen das mit den Geschlechtern wohl etwas lockerer, denn Duschen und Toiletten für Damen und Herren nebst Pinkelbecken befinden sich im selben Raum, die Kloschüsseln haben keine Brillen und das Toilettenpapier ist schmaler und dünner als in Deutschland üblich, so dass ich eine neue Falttechnik entwickeln muss.

08 Belfort Stadtmauer

Natürlich ist auch eine Stadtbesichtigung von Belfort fällig. Nahe des Campingplatzes gibt es eine Bushaltestelle für Fahrten ins Zentrum. Wir stehen also an der Bushaltestelle, der Bus kommt. Wir erklären der Busfahrerin, dass wir eine Fahrtkarte kaufen möchten. Das ginge über das Handy. Nur leider, mit dem deutschen Anbieter funktioniert es nicht. Dann sollten wir die Fahrkarten im nächsten Tabakladen (débit de tabac) kaufen. Und wo ist der? „Au centre-ville!“ Da müssen wir aber erst mal mit dem Bus hinkommen. Die Busfahrerin erkennt das Problem: „Montez!“ Und spendiert uns eine Gratisfahrt ins Stadtzentrum.

Wie der Name Belfort schon sagt, erhebt sich über der Stadt eine beeindruckende Festungsanlage, deren Eingang der Löwe von Belfort schmückt, der an den Widerstand bei der Belagerung der Stadt 1870/71 während des deutsch-französischen Kriegs erinnert. Das Gelände ist weitläufig, von wuchtigen Steinmauern begrenzt. Zu besichtigen sind auch ein Museum und unterirdische Gewölbe. Da es immer noch sehr heiß ist, halten wir die Besichtigung kurz.

09 Belfort Festung

Zurück in der Fußgängerzone stärken wir uns in einem libanesischen Restaurant. Also wieder nichts mit französischer Küche! Libanesisch schmeckt doch auch ganz hervorragend. Anschließend werden noch ein paar Einkäufe erledigt. Für den Abend decken wir uns in einer gepflegten Weinhandlung mit zwei Flaschen Burgunder und in einem Feinkostgeschäft mit burgundischem Käse und Salami ein. Das Abendessen wird nur leider nicht so richtig gemütlich, denn zurück am Campingplatz zieht ein Gewitter auf. Bei der Schwüle war das zu erwarten. Für das Zigarrchen nach dem Essen besetzen wir die überdachte Terrasse eines leerstehenden Bungalows.

Auf nach Burgund

Am nächsten Morgen scheint schon wieder die Sonne und es geht weiter in die für ihren Senf bekannte Hauptstadt von Burgund, Dijon. Die Autobahn führt durch grüne, hügelige Landschaft und ist wenig befahren. Das liegt wohl an den recht üppigen Autobahngebühren.

59 Avallon Landschaft

Wie uns der Baedeker erzählt, taucht in Schriften der Name Burgundiones ab dem 1. Jahrhundert auf. Es handelt sich dabei um ein aus Dänemark, genauer gesagt von der Insel Bornholm, eingewandertes Volk. Um etwa 500 konvertierten die Burgundiones vom arianischen Christentum zum römisch-katholischen Christentum. Bei der Stadt Autun wurden die Burgundiones 532 von den Franken vernichtend geschlagen und ihr Volk fand keinerlei Erwähnung mehr. Einzig ihr Name hat sich auf der Landkarte erhalten.

Burgunds Hauptstadt Dijon

Unser Ziel in Dijon heißt Kir Camping, 3, Boulevard Chanoine. Hier ist schon bedeutend mehr los als am Campingplatz von Belfort, aber die abgeteilten Stellplätze sind großzügig und so ist es mit unseren Hunden kein Problem. Auch nicht das Gassi gehen, denn gleich neben dem Campingplatz befinden sich Parkanlagen, durch die ein Bach fließt. Ein Reiher steht im Wasser, ist durch die Ruhestörung empört, fliegt auf und lässt auf unsere Hunde einen Sprutz regnen. Folgt man dem Bach nach rechts, erreicht man das Naherholungsgebiet des Kir-Sees.

Unsere braven Hunde müssen wieder allein im Camper warten, während wir noch am Abend mit dem Bus No. 3 ins Stadtzentrum zum Place Darcy (einfache Fahrt 1,80 €) fahren. Zur Linken befindet sich der Stadtgarten, zur Rechten durchschreiten wir das Tor Porte Guillaume. In dieser quirligen Einkaufsstraße wimmelt es von Menschen. Wir sind überrascht, wie wunderschön und lebendig Dijon ist. Unser Plan ist, heute noch die drei bedeutendsten Kirchen von Dijon zu besichtigen. Burgund, das Land der Kirchen und Klöster, in dem bereits im 4. Jahrhundert das Christentum Einzug hielt.

15 Dijon Karusell

Das erste Ziel ist die Kirche St. Bénigne, die sich neben dem Archäologischen Museum befindet. Der heilige Benignus ist der Patron der Stadt Dijon. Er war als Missionar schon im 2. und 3. Jahrhundert in Burgund tätig, bevor er zum Märtyrer wurde. Sein Grab befindet sich in der Krypta, dem sehenswertesten und beeindruckendsten Teil der Kirche. Der Baedeker sagt uns, die Krypta war einst die Unterkirche der im 11. Jahrhundert errichteten Basilika.

12 Dijon St. Bénigne

Die Gesamtanlage der Krypta ist in Frankreich einmalig. Sie soll aus einem Parthenon hervorgegangen sein, der zu einer Kirche umfunktioniert wurde, und an die Anlage der Grabeskirche in Jerusalem erinnern. Acht Säulen bilden eine innere Rotunde, die nochmals von 16 Säulen umgeben ist, die zwei ringförmige Schiffe formen. Die noch im Original erhaltenen Kapitelle muten geheimnisvoll an. Echt, wir sind beeindruckt.

11 Dijon St. Bénigne Krypta
10 Dijon St. Bénigne Kapitell

Auf unserem Weg an der Rue Danton liegt das Drama-Theater Théâtre Dijon Bourgogne, das in der aus dem hohen Mittelalter stammenden gotischen Kirche Saint-Jean untergebrachte ist.

13 Dijon Théatre Dijon Bourgogne

Wir kommen an dem wunderbaren, wunderbaren, wunderbaren Feinkostladen Mulot & Petitjean vorbei. Nein, wir kommen nicht dran vorbei. Wir fallen in den Laden ein. Gekauft werden Süßigkeiten und Lebkuchen. Kreuzritter sollen einst den lecker gewürzten Lebkuchen aus dem Morgenland mit nach Frankreich gebracht haben.

14 Dijon Mulot&Petitjean

Durch die Altstadt mit ihren mittelalterlichen Stadtpalästen, die hôtel heißen und Wohnsitze der burgundischen Herzöge waren, geht es zu „einem der bedeutendsten Bauten der burgundischen Gotik“, zur Kirche Notre Dame. Die Fassade ist wirklich ungewöhnlich, geschmückt mit vielen Treppchen, Türmchen und Figuren. An der Ostseite ist eine kleine Eule angebracht. Es soll Glück bringen, sie mit der linken Hand zu streicheln.

16 Dijon Notre Dame Fassade

Kleine, goldene Eulen sind auch auf den Straßen in den Boden eingelassen und weisen den zahlreichen Touristen den Weg zu den Sehenswürdigkeiten.

18 Dijon Notre Dame seitlich

Gegenüber der Kirchenostseite befindet sich Maitte, eine berühmte Senffabrik mit angegliedertem Laden. Es gibt Senfsorten in allen nur erdenklichen Geschmacksrichtungen, süß, scharf oder mittel, von Himbeere über Estragon bis Chillie. Auch die Größen der Senfgläser sind variabel. Wir verfallen an diesem Abend bereits in unseren zweiten Kaufrausch. Souvenir! Souvenir!

Nun aber auf zur Kirchenbesichtigung. Es findet zwar gerade eine Andacht statt, trotzdem können wir „eine der ältesten erhaltenen Holzmadonnen Frankreichs“ aus dem 11. Jahrhundert und andere Kunstwerke bewundern.

17 Dijon Notre Dame Säule

Kurz darauf erreichen wir das Herz Dijons: den halbkreisförmigen Place de la Libération, an dem der herzogliche Palast (Palais des Ducs) mit dem Museum der Schönen Künste (Musée des Beaux-Arts) liegt, und der von einem Springbrunnen mit dahinter liegenden Cafés und Restaurants gesäumt ist. Wow! Wir sind geplättet! So prächtig und außergewöhnlich hatten wir uns Dijon nicht vorgestellt!

27 Dijon Place de la Libération Herzog-Palast

Für eine nähere Besichtigung ist jetzt keine Zeit. Heute arbeiten wir uns an den Kirchen ab und marschieren zur nicht weit entfernten Kirche des heiligen Michael, die durch ihre reich gestaltete Außenfassade besticht.

19 Dijon Saint Michel

Und jetzt geht’s zurück zum großen marché, um den sich viele Restaurants gruppieren. Endlich klappt es mit einem französischen Essen. Ein Kotelett mit Pommes und Salat kostet schlappe 27 Euro. Der Wein ist auch nicht billig, aber köstlich.

20 Dijon Grand marché

Der nächste Tag ist der Besichtigung des Museums der Schönen Künste und des Palasts der Herzöge gewidmet, wo heute etliche Hochzeiten stattfinden.

21 Dijon Bücherflohmarkt

Erfreulich: Der Eintritt des Museums ist frei. Allerdings befindet sich das ganze Gebäude im Umbau und so sind nur eine begrenzte Anzahl der Räumlichkeiten zugänglich. Die bedeutendsten  Ausstellungsstücke sind die beiden Gräber der burgundischen Herzöge aus schwarzem Marmor mit ihren figürlichen Darstellungen, einmal das herausragend gestaltete Grab Philipp II. des Kühnen (1342 bis 1404) und das Doppelgrab von Johann ohne Furcht (1371 bis 1419), ein Sohn Philipp des Kühnen, und seiner Gemahlin Margarete von Bayern (1363–1423), aus dem Straubinger Zweig der Wittelsbacher.

24 Dijon Museum Schöne Künste Sarkophage der burgundischen Herzöge

Die Bestattung der Valois-Burgund-Herzöge erfolgte nach altem Zeremoniell. Die Eingeweide der Verstorbenen wurden in einer Kirche beigesetzt, z.B. von Philipp II. des Kühnen in der Kirche Notre Dame, der restliche Leichnam wurde einbalsamiert und in einen Bleisarg gelegt. Die Begräbnisstätte Philipp II. des Kühnen befand sich in der Kartause von Champmol, wohin er in einem Trauerzug aus Flämisch-Brabant (heute Belgien), wo er ermordet worden war, gebracht wurde. Die Trauerprozession, die auch über die Abtei Fonténay führte, dauerte zweieinhalb Jahre, bis sie an ihrem Ziel Champmol eintraf. Der Zug bewegte sich betend und singend nur langsam vorwärts. Jeden Morgen wurde vor dem neuerlichen Aufbruch am Sarg eine Totenmesse gelesen. Am Grabmal Philipp II. des Kühnen wurde dieser Trauerzug, les pleurants, von dem berühmten Bildhauer Claus Sluter (1350 bis 1406) auf unnachahmlich künstlerische Weise dargestellt.

22 Dijon Museum Schöne Künste Les Pleurants

Insgesamt vier Valois-Herzöge waren in der Zeit von 1363 bis 1482 die Herrscher Burgunds: Philipp II. der Kühne (Reg.zt. 1363 bis 1404), Johann ohne Furcht (Reg.zt. 1404 bis 1419), Philipp III. der Gute (Reg.zt. 1419–1467) und Karl der Kühne (Reg.zt. 1467–1477 ). Nach dem Tod Karl des Kühnen fiel Burgund zurück an die französische Krone. Karls Tochter Maria von Burgund (1457 bis 1482) war die letzte ihres Stammes und starb schon im Alter von 25 Jahren. Ihr Schicksal beschreibt der dreiteilige Historienfilm „Maximilian – das Spiel von Macht und Liebe“ (Regie Andreas Prochaska, 2017).

Philipp III. der Gute stiftete 1430 den Orden vom Goldenen Vlies, der bei seiner Gründung nur 24 Ritter umfasste, aber schon bald zum „prestigeträchtigsten Ritterorden des Abendlandes“ wurde, dem nach und nach die Elite des europäischen Hochadels angehörte.

Doch große Teile der Bevölkerung waren arm und dies galt als Schande, was Ächtung und häufig die Verurteilung zu Zwangsarbeit zur Folge hatte. Aufgrund von Hungersnöten kam es immer wieder zu Volkserhebungen, Bauernprotesten, Handwerkeraufständen, die alle blutig niedergeschlagen wurden.

In die Zeit der Herrschaft der burgundischen Valois-Herzöge fiel der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich (1337 bis 1453), der Teilen Frankreichs schlimme Verwüstungen brachte und in dessen Verlauf mehrmals die Gefahr bestand, dass England Frankreich schlucken und sein Reich auf das europäische Festland ausdehnen könnte. Die rettende Wende brachte das Eingreifen der Jungfrau Jean d'Arc, die dafür als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde und der heute als Nationalheldin und Retterin Frankreichs verehrt wird.

Zurück ins Museum. Nachdem wir die pleurants ausgiebig gewürdigt haben, widmen wir uns den auf insgesamt drei Stockwerken ausgestellten mittelalterlichen sakralen Bild- und Holzschnitzkunstwerken.

23 Dijon Museum Schöne Künste

Nach so viel Kultur gibt’s bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein zur Stärkung einen großen Eisbecher mit Sahne auf der Plâce de la Libération, während wir Kinder und Hunde beobachten, die mit den Fontänen der Brunnenanlage ihren Spaß haben.

26 Dijon Place de la Libération

Zurück am Campingplatz werden wir freudig von unseren Hunden begrüßt, mit denen wir einen Spaziergang zum Lac Kir mit seinem Badestrand unternehmen. Zum Abendessen genehmigen wir uns und auch unseren braven Hunden eine Pizza vom Holzofengrill, gebacken im Campingplatz eigenen Pizza-Mobil.

Flavigny-sur-Ozerain

Am nächsten Tag starten wir zu dem mittelalterlichen Dorf Flavigny-sur-Ozerain. Die Ortschaft scheint wirklich aus der Zeit gefallen mit ihren Gässchen und alten Häusern, mit Bänkchen und viel Blumenschmuck. Flavigny diente dem Film Chocolat mit Juliette Binoche und Jonny Depp als Kulisse.

32 Flavigny-sur-Ozerain Stadttor

Mit einem Mittagessen klappt es hier leider nicht. Die beiden um diese Jahreszeit noch geöffneten Restaurants sind überfüllt bzw. die Tische reserviert. Es ist Sonntag und viele Ausflügler sind unterwegs. So reicht es nur für einen café au lait und ein brioche (Hefegebäck) in dem kleinen Café der Anisbonbonfabrik. In dem zugehörigen Laden kaufen wir mal wieder ein: hübsche, kleine Döschen mit Anis-, Veilchen- und sonstigen Bonbons. Diese Anisbonbons sollen im 9. Jahrhundert von Ursulinen in Flavigny erfunden worden sein. Die harten Pastillen müssen gelutscht werden, um zu dem im Inneren versteckten, kleinen Aniskern zu gelangen.

35 a Flavigny-sur-Ozerain Anis (2)

Die Anisbonbonfabrik wurde bereits im Mittelalter in dem Gebäude der Abbaye St. Pierre untergebracht. Heute kann man in den Resten der Abtei noch die Krypta der heiligen Regina (Ste-Reine) besichtigen. Schon im Jahr 864 wurden deren Gebeine in dieser Krypta bestattet, die mit Säulen gallo-römischen Ursprungs geschmückt ist.

Eine weitere Sehenswürdigkeit des mittelalterlichen Dorfes ist die Kirche St. Genèst aus dem 13. Jahrhundert. Das Chorgestühl aus dem 15. Jahrhundert weist witzige Details auf: ein Mönch, der sich schneuzt oder ein Bettler, der sich die Füße kratzt.

34 Flavigny-sur-Ozerain Kirche St. Genèst Figur 1

Julius Cäsar und der Gallier Vercingetorix – Freiheit für Gallien!

Weiter geht’s zum Camping Municipal Alesia in Venarey. Der Camingplatz befindet sich am Stadtrand und ist schön angelegt. Die Anzahl der Gäste ist um diese Zeit sehr übersichtlich und auch hier findet sich eine wunderbare Gelegenheiten für Hundespaziergänge: Gleich neben dem Campingplatz ist ein Park mit Weiher angelegt. Von Venarey aus starten wir zur Besichtigung des Schlachtfelds, das im Jahre 52 v.u.Zt.re. der Schauplatz des Kampfes zwischen dem Römer Julius Cäsar und dem Gallier Vercingetorix war.

36 Venarey Campingplatz

Zwischen 1200 und 600 v.u.Zt.re. wanderten Kelten aus dem Osten kommend im damaligen Gallien und somit auch in Burgund ein. Über die Flüsse Rhône und Saône wurde mit den Griechen Handel getrieben. Allerdings verübten die Kelten immer wieder Überfälle auf die Griechen, die deshalb die Römer zu Hilfe riefen. Rom startete eine Offensive gegen die Kelten, die sie Gallier nannte, und so wurde zunächst Südfrankreich zur römischen Kolonie (118 v.u.Zt.re.).

Im Jahr 52 v.u.Zt.re. kam es zur großen Entscheidungsschlacht zwischen den gallischen Stämmen und den Römern in der Ebene von Alesia, in der die Gallier vernichtend geschlagen wurden. Zum Gedenken an diese schicksalsträchtige Schlacht wurde mitten in dieser Ebene ein imposantes Museum errichtet, entworfen vom Stararchitekten Bernard Tschumi, der auch das Museum auf dem Akropolishügel in Athen gestaltete. Das als Rundbau angelegte Museum ist mit Holzpfeilern ummantelt, die dem Palisadenbau der Römer nachempfunden sind. Das Flachdach ist mit Birkenbäumchen bepflanzt. Es ist eines der best gemachten Museen, die ich kenne. Die Entscheidungsschlacht zwischen Römern und Galliern wird eindrücklich dargestellt. Auf römischer Seite kämpften unter Julius Cäsar 50.000 Soldaten sowie germanische Hilfstruppen, auf gallischer Seite unter Vercingetorix 80.000 Mann, die von einem römischen Belagerungsring eingeschlossen worden waren. Ihr Ausbruchsversuch hatte ihre Vernichtung zur Folge.

37 Ebene von Alesia Museum

Diese Schlacht hätte auch ganz anders ausgehen können, wären die Gallier nicht so einem genialen Strategen wie Julius Cäsar gegenüber gestanden. Und obwohl Vercingetorix die Schlacht verlor, wird er heute als Nationalheld verehrt, denn es war ihm gelungen, die verschiedenen Gallierstämme unter dem Motto „Freiheit für Gallien“ im Kampf gegen Rom zu einen.

Im Museum ist ein kleines, mit modernster Technik ausgestattetes Kino untergebracht, in dem die Schlacht um Gallien filmisch dargestellt wird. Im freien Gelände der Ebene sind die Befestigungsanlagen nachgebaut.

Welche Welten bei Galliern und Römern aufeinanderprallten erzählen in humorvoller Weise noch heute die Bände „Asterix und Obelix“: „Die spinnen, die Römer!“

Im Anschluss an den Museumsbesuch fahren wir zu der auf einem Hügel gelegene Ortschaft Alise-Sainte-Reine. Um diese Jahreszeit ist auch hier das Restaurant geschlossen, so dass wir unter schattigen Bäumen am Fuße der sieben Meter hohen Bronzestatue des Vercingetorix Picknick machen. Wie gut, dass wir uns im Supermarkt von Venarey mit leckerer Terrine, Käse und Obst eingedeckt haben. Und schon wieder kann ich mir den schwierigen Namen „Vercingetorix“ einfach nicht merken. Beim besten Willen reicht es nur bis „Wirschingfix“.

38 Alise-Sainte-Reine Vercingetorix-Denkmal

Hinter dem kleinen Parkplatz führt ein Fußweg durch die Felder zur Ausgrabung des gallo-römischen Alesia. Nach dem Rundgang vorbei an den spärlichen Überresten von Theater, Tempel, Basilika und Forum lassen wir uns auf einer Bank unter einem Baum nieder. Da fällt uns eine Nuss auf den Kopf. Na so was! Ein Walnussbaum! Da stopfen wir uns die Taschen voll.

39 Alise-Sainte-Reine Feldkreuz

Die Abtei von Cluny und der Cluniazenser-Orden

Da sich die Abtei von Cluny 200 Kilometer nördlich von hier befindet und trotz Renovierung nur Spuren des ehemaligen klösterlichen Lebens auffindbar sein sollen, verzichten wir auf ihren Besuch. Da die Abtei von Cluny der Abtei von Fontenay zeitlich vorangeht und von großer Bedeutung war, sei hier auf ihre Geschichte kurz eingegangen.25 Dijon Museum Schöne Künste Der Tod

Der Orden, der im Mittelalter noch vor den Zisterziensern große Bedeutung erlangt hatte, war der Cluniazenser-Orden. Allerdings pflegte dieser einen pracht- und prunkvollen Baustil. Die Cluniazenser waren ein benediktinischer Reformorden, benannt nach der 910 gegründeten Abtei Cluny, dem Ursprung und Zentrum des Ordens. Cluny war eines der einflussreichsten religiösen Zentren des Mittelalters.

Die Reformen wurden durch das Absinken der kirchlichen Moral auf einen absoluten Tiefpunkt ausgelöst. Nun sollte eine Rückbesinnung auf die Benediktinerregeln erfolgen und die Frömmigkeit vertieft werden. Im Mittelpunkt stand die Bewusstheit der eigenen Vergänglichkeit: „Bedenke, dass du sterblich bist“ (memento mori) in Vorbereitung auf den Weltenuntergang und das Jüngste Gericht. Allerdings stand Cluny auch im Ruf eines militanten Katholizismus, der zu den Kreuzzügen ins „heilige Land“ aufrief. Drei Jahrhunderte lang war die Kathedrale von Cluny das größte Gotteshaus der Christenheit. Der Cluniazenser-Orden umfasste zu seiner besten Zeit etwa 1200 Klöster mit mehr als 20.000 Mönchen.

Während der Französischen Revolution wurde die Abtei zerstört und diente als Steinbruch. Der Hass auf den Klerus war groß. 2006 wurde die Ruine für 17 Millionen Euro renoviert und 2010 feierte Cluny sein 1100. Gründungsjubiläum.

Abbaye de Fontenay

Doch wir besuchen das ehemaligen Zisterzienserkloster Abbaye de Fontenay. Geht man vom Umfang der Parkplätze aus, muss es hier im Sommer nur so von Besuchern wimmeln. Doch jetzt ist es ruhig, nur wenige Autos haben den Weg hierher in die Einsamkeit des inmitten von Wäldern angelegten Klosters gefunden.

Nachdem wir das Eingangstor durchschritten haben, sind wir von der im Sonnenschein erstrahlenden Schönheit der Anlage überwältigt. Verständlich, dass die  Abtei mit ihren Bächen, Quellen und Brunnen zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

40 Fontenay Eingang

Die Klosteranlage, die vielen nachfolgend erbauten Klöstern als Vorbild diente, wurde schnörkellos und ohne schmückendes Beiwerk erbaut. Schlichtheit war das oberste Zisterziensergebot. Nichts sollte von der Versenkung ins Gebet ablenken.

Während sich der Adel der Prunksucht und Völlerei hingab, sich schamlos kleidete und territoriale Kriege führte und dieses sittenlose Treiben bald alle Stände erfasste, predigten die Zisterzienser die Abkehr von der Welt. Sie setzten hohe moralische Ansprüche, traten für ein Leben in Armut und Einsamkeit unter strenger Anwendung der Regeln des Heiligen Benedikt von Nursia ein. Das tugendhafte Leben sollte sich an der christlichen Morallehre orientieren.

43 Fontenay Innenhof - Kopie

Im Jahre 1112 trat der berühmte Bernhard von Clairvaux (gest. 1153) dem Zisterzienserorden bei. Er war nicht nur Mönch und Mystiker, sondern auch ein einflussreicher Kirchenpolitiker, ausgestattet mit einem überwältigenden Charisma.

Die Mönche kamen 1118 in die Wälder und Sümpfe von Montbard und errichteten dieses große Klostergut, das sie wirtschaftlich unabhängig machte. Die Blütezeit erlebte die Abtei bis zum 15. Jahrhundert, im 16. Jahrhundert begann ihr Niedergang. 1790, zu Zeiten der französischen Revolution, wurde das Kloster, das nur mehr ein Dutzend Mönche umfasste, aufgelöst. Die Klosteranlage wurde verkauft und von einem Fabrikanten in eine Papierfabrik umgewandelt. 1906 kam sie in die Hände des reichen Bankiers Edouard Aynard, der die Klosteranlage wiederherstellen ließ. Sie ist noch heute in Familienbesitz.

50 Fontenay Brunnen Innehof - Kopie

Doch nun befinden wir uns ganz allein in der alten Abteikirche von Fontenay, deren Bau im Jahre 1139 begann, und lassen die strenge Mystik auf uns wirken. Beeindruckend sind die Grabplatten der Ritter und die Marienstatue aus dem 13. Jahrhundert, hinter ihr die „Totenpforte“, die zum Friedhof führte. In dieser Kirche trafen sich die Mönche achtmal am Tag für eine Stunde zum Gebet. Über der Kirche liegt der ehemalige Schlafsaal, der über eine Treppe zu erreichen ist, und in dem alle Mönche, der Regel des heiligen Benedikt folgend, in einem Raum schliefen.

46 Fontenay Kirche - Kopie

Erstaunlich, wie gerade das Schlichte wie der Kreuzgang der Klosteranlage von so unglaublicher Schönheit sein kann. Hier hatten nur die Klosterbrüder Zutritt und wandelten betend oder lesend. War die Kapuze über den Kopf gezogen, bedeutete dies, dass der Mönch nicht angesprochen werden wollte.

44 Fontenay Kreuzgang - Kopie

Nun besichtigen wir noch den Kapitalsaal und den Mönchssaal, in dem Manuskripte vervielfältigt und illustriert wurden. Neben Krankensaal und Küche durfte nur in der Wärmehalle geheizt werden.

Am Tag musste neben acht Stunden beten auch acht Stunden gearbeitet werden. Die Klosterwirtschaft betrieb Ackerbau und Viehzucht, es gab Mühlen und Kupferverhüttung, außerdem wurde Glas hergestellt. Eine Schmiede aus dem 12. Jahrhundert ist noch im Original inklusive Mühlrad zu besichtigen.

42 Fontenay Schmiede

Zum Abschluss der Besichtigung besuchen wir beim Verlassen der Klosteranlage noch das kleine Museum.

Als wir die öffentliche Toilette der Abtei Fontenay aufsuchen, staunen wir nicht schlecht. Männlein und Weiblein stehen in einem gemeinsamen Vorraum vor drei Klotüren an. Wo frei wird, geht der Nächste/die Nächste in die Kabine. Unter solchen Umständen kommt einem die verklemmte deutsche Diskussion um eine dritte Toilette für weitere Geschlechtlichkeiten völlig irreal vor. Solche Probleme kennt man in Frankreich offensichtlich nicht. Heureuse France!

Nachdem die Hunde so brav im Camper gewartet haben, werden sie mit einem ausgedehnten Spaziergang auf den Wanderwegen der umliegenden Laubwälder belohnt. Zurück im Dorf Le Marmagne finden wir das Restaurant geöffnet. Endlich bœuf bourguignon zum déjeuner! Dazu Bohnen, Salzkartoffeln und geröstetes Weißbrot. Nicht schlecht. Als Dessert eine köstliche crème brûlée. Mit Wein und Wasser zahlen wir 46,00 €.

Burgundische Landschaften

Durch hügelige Landschaft mit Feldern und Weiden für die weißen, burgundischen Rinder geht es Richtung Avallon. Zwar führt die Straße immer wieder durch kleine Dörfer, dennoch ist die Landschaft nicht zersiedelt, sondern wirkt sehr naturbelassen. Genauso könnte es vor tausend Jahren auch schon ausgesehen haben. Burgund – ein Synonym für Mittelalter?

31 Weiße Kühe Herde

Christa Dericum schreibt: „Burgund, das sind von alters her goldene Weinberge, grüne Hügel zwischen Seine, Loire und Saône, die kargen Hänge des Jura, weitgedehnte Wälder und üppige Wiesen mit dem weißen Vieh und großen Schafherden, fruchtbare Äcker, schroffe Felsen mit ihren unheimlichen Geschichten. Burgund, das ist Wasser, das von den Felsen herabstürzt, Waser in Gräben und Kanälen, Teichen und Seen, und das sind die herrlichen Flüsse.“ (Lit.: „Burgund – Erzählte Landschaft“ von Christa Dericum)

85 Bazoches Blick auf Ort

Montréal

Auf den Weg nach Avallon kommen wir durch Montréal. Über diesen Ort weiß unser Reiseführer, dass er „mit seinem mittelalterlichen Stadtbild zu den schönsten Orten in Burgund gehört“. Das können wir nur bestätigen als wir das ganze Dorf durchqueren, um zu der am höchsten Punkt des Dorfes gelegenen frühgotischen Kirche Notre Dame zu gelangen. Der Besuch der Kirche lohnt, insbesondere bietet auch hier das geschnitzte Chorgestühl witzige Motive: zwei bissige Hunde, die sich um einen Knochen balgen oder ein Brüderpaar, wohl die Schnitzmeister, bei der Brotzeit.

Avalon

Nach wenigen Kilometern erreichen wir Avallon. Wir steuern den Campingplatz Municipal Avalon an, der inmitten von Felsen in einem Flusstal liegt. Überraschung: Hier gibt es ebenfalls einen Swimmingpool! Wieder einmal suche ich nach den weggepackten Badesachen und rein ins erfrischende Nass!

Als wir am nächsten Tag zur Stadtbesichtigung aufbrechen, vergegenwärtige ich mir noch einmal den Roman „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer Bradley, eine spezielle Version der Artus-Sage, die versunkene mystische Welten aus der Zeit der Kelten heraufbeschwört. Als ich ihn las, war ich noch sehr jung. Ob er mir heute auch noch gefallen würde?

52 Avanlon Straße

Nahe der Altstadt finden wir einen schattigen Parkplatz und los geht’s Richtung Dom. Doch zunächst entzückt mich ein Hutladen, mich, der ich alles andere als ein Hutfan bin, aber hier gibt es Hüte in Farben und Formen, die wirklich très chic sind. Neu behütet spazieren wir die von Restaurants, Cafés und Geschäften gesäumte Hauptstraße entlang. Geführt werden wir von einem im Boden eingelassenen Frosch, der das Kennzeichen für die Stadt darstellt.

60 Avallon Frosch

In der Kirche St. Lazare soll Anfang des 12. Jahrhunderts der Kopf des heiligen Lazarus, den einst Jesus von den Toten auferweckte, aufbewahrt worden sein. Die Kirche war somit eine vielbesuchte Pilgerstätte. Am Kirchenportal fällt unmittelbar eine modern anmutende, langgestreckte Prophetengestalt ins Auge.

56 Avallon St. Lazare Prophet

Langsam schlendern wir durch die Altstadt zurück, decken uns mit Baguette ein und landen schließlich im Restaurant Le Chapeau Rouge, wo wir uns ein opulentes Drei-Gänge-Menü zum Preis von 13,50 € genehmigen.

61 Avallon Garten mit Brunnen

Inzwischen ist es für diese Jahreszeit wieder außergewöhnlich heiß geworden. Auf einsamer Landstraße erreichen wir Vézelay und die nur 500 Meter von der Stadt entfernte Auberge de Jeunesse Camping Municipal de Sainte-Marthe (pro Nacht 13,50 €). Ein netter Campingplatz, auf dem auch viele Jugendliche Quartier bezogen haben.

Vézelay

Ein Fußweg führt in die Stadt, die ihre Blütezeit im 12. Jahrhundert erlebte. Steil führt die von kleinen Läden und Restaurants gesäumte Straße durch die Altstadt hinauf zur Basilika Ste.-Marie-Madeleine. Die Gebeinde der heiligen Magdalena werden als Reliquie in der Krypta aufbewahrt. Dies macht die Kirche auch heute noch zu einem wichtigen Wallfahrtsort.

64 Blick auf Vézelay

Laut der Legende verbrachte Maria Magdalena nach ihrer Vertreibung aus Palästina dreißig lange Jahre als Büßerin in einer Grotte an der Côte d'Azur. Nach ihrem Tod sollen ihre sterblichen Überreste im 9. Jahrhundert nach Vézelay gebracht worden sein. Zur Aufbewahrung der Gebeine der heiligen Magdalena erbauten die Benediktiner diese ganz besondere Kirche.

67 Vezelay Basilika Reliquienschrein

Die Gläubigen wollten sich in der Nähe der sterblichen Überreste von Heiligen wissen, denn es war ihnen so möglich, die Realisation einer tatsächlichen Begegnung mit den Heiligen zu spüren. Hier in Vézelay machten auch viele Pilger halt, die auf dem Jakobsweg unterwegs nach Santiago de Compostela waren.

Die Kirchenfassade wird von großartigen Portalen durchbrochen. Im von Helligkeit durchfluteten Langhaus überrascht die Größe des Bauwerks. Unsere volle Aufmerksamkeit gilt den thematisch gestalteten Kapitellen.

71 Vezelay Basilika Kapitell

Vézelay ist eine äußerst geschichtsträchtige Stadt. In der Benediktiner-Kirche hielt Bernhard von Clairvaux seine berühmte Predigt, in der er 1146 zum 2. Kreuzzug aufrief. 1190 vereinigten in Vézelay Philippe August und Richard Löwenherz ihre Heere, um zum 3. Kreuzzug aufzubrechen. Auch Ludwig IX., der Heilige, betete bei Maria Magdalena für das Gelingen seines Kreuzzugs. Seine Gebete wurden wohl nicht erhört, denn beim 6. Kreuzzug (1248 bis 1254) kam der französische König in Gefangenschaft und auf dem 7. Kreuzzug (1270) kam er in einer weiteren verlorenen Schlacht zu Tode.

70 Vezelay Basilika Engel

Zu den Besuchern von Vézelay zählte auch Thomas Becket, der Erzherzog von Canterbury. Nach einem Streit mit dem englischen König Heinrich II. floh er 1164 hierher und kehrte erst 1170 nach England zurück.

Im Jahre 1217 wurde in Vézelay das erste Franziskanerkloster auf französischem Boden gegründet. Der Niedergang der mittelalterlichen Paradestadt setzte 1270 ein, als es plötzlich hieß, die Gebeine der Maria Magdalena seien nicht echt.

65 Vézelay Straße

Vézelay war und ist eine Stadt der Kunst und Kultur. Als Führer durch die Stadt dient hier die Muschel, ein Verweis auf den Jakobsweg. Davon künden die vielen Galerien und Kunstläden sowie ein kultureller Leckerbissen, den wir uns auf dem Rückweg durch das Städtchen gönnen. Das von außen völlig unscheinbare Musée Zervos erweist sich als Überraschung. Über drei Etagen erstrecken sich die Ausstellungsräume mit Werken von Picasso, Giacometti, Kandinsky, Calder, Ernst, Miro und anderen, plus Garten, plus Kellergewölbe – dabei wäre schon allein der Besuch des schicken Klos den Eintritt von 5 € wert. Eine Sonderausstellung mit dem Titel „Les Années de Guerre“ ist der Gesamtschau des Werkes von Hans Hartung (1904 bis 1989) gewidmet. Für mich eine Neuentdeckung. http://www.hans-hartung.de/ Seine Lebenserinnerungen, die er in dem Buch "Autoportrait" veröffentlichte, wird als Lektüre vorgemerkt.

77 Vézelay Museum Zervos

Das Musée Zervos befindet sich im ehemaligen Wohnhaus des Literaturnobelpreisträgers Romain Rolland (1866 bis 1944). Der Nobelpreis wurde ihm 1915 für seinen zehnbändigen Roman „Jean Christoph“ zuerkannt. Damals hatte man wohl noch mehr Zeit fürs Lesen. Der Pazifist Rolland widmete sein gesamtes Leben der Friedens- und Völkerverständigung. Er war befreundet mit Maxim Gorki und schrieb 1923, nachdem er Gandhi persönlich getroffen hatte, eine Gandhi-Biographie.

1914 veröffentlichte er den Artikel „Au-dessus de la mêlée“ („Über den Schlachten“, auch übersetzt mit „Über dem Getümmel“). Ein Aufsatz, der besonders in diesem Jahr, in dem sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Male jährt, aktuell ist. Auch schon damals schürten Intellektuelle gnadenlos die Feindbilder und hetzten zum Krieg. Dagegen schrieb Rolland an: „Es ist schrecklich, inmitten dieser geistesgestörten Menschheit leben und ohnmächtig dem Bankrott dieser Zivilisation beiwohnen zu müssen. Dieser europäische Krieg ist seit Jahrhunderten die größte Katastrophe der Geschichte, das Ende der heiligsten Hoffnungen, die wir in die humane Zusammengehörigkeit der Menschen gesetzt haben“.  Und weiter: „Dieses Monstrum mit hundert Köpfen nennt sich Imperialismus. Es ist dieser ehrgeizige Wille zur Herrschaft, der alles aufsaugen, sich unterwerfen oder zerbrechen will und keine freiheitliche Macht neben sich selbst duldet.“ Rollands Schriften fanden erst nach dem Krieg, als sie unter dem Titel „Der freie Geist“ erschienen, ihre Würdigung, ebenso wie seine Idee eines „Tribunal des Gewissens“, die später im Völkerbund ihren Niederschlag fand.  https://www.journal21.ch/romain-rolland-au-dessus-de-la-melee-1914 Auch Romain Rolland ist für mich eine Neuentdeckung.

76 Vézelay Muschel

Soviel Kultur macht hungrig. Wir genießen ein exzellentes Mittagsmenü im Restaurant A la Fortune du Pot am Place du Champ. Das Bœuf bourgonge ist ein Gedicht, ebenso wie die flambierte crème brulée. (Zwei Menüs mit Wein und Wasser: 50 Euro)

Müde und satt zurück am Campingplatz erwarten uns voller Vorfreude aufs Gassigehen unsere beiden Hunde. Also nix mit Ausruhen. Spazierengehen ist angesagt! Wir laufen durch an die Hügel geschmiegten Weinberge. Die Rebstöcke hängen voller fetter weißer und roter Trauben. Die Lese ist in vollem Gange. Am gegenüberliegenden Hügel liegt Vézelay und grüßt herüber. Ein Walnussbaum lässt seine Früchte fallen und wir kehren mit reicher Ernte zurück zum Campingplatz. Hier ergibt sich allerdings ein kleines Problem: Unsere Hunde haben den Campingplatz zu ihrem Revier erklärt und versuchen jeden Neuankömmling wütend zu verbellen. Das muss schnellstens unterbunden werden.

78 Vézelay Weinberg Stadt

Saint-Père-sous-Vézelay

Als es am nächsten Morgen auf der Landstraße in südlicher Richtung, zunächst nach Saint-Père-sous-Vézelay, geht, ist der Himmel zum ersten Mal seit Reisebeginn bewölkt. Das Wetter soll sich ändern. In Saint-Père-sous-Vézelay wurde die ursprüngliche Abtei von Vézelay erbaut. Entsprechend alt ist dieses „Meisterwerk der burgundischen Gotik“, die Kirche Notre Dame. Besonders die an der Fassade angebrachten, Schrecken einflößenden Wasserspeier und Fratzen hinterlassen einen verstörenden Eindruck. Seuchen, von der Pest über die Cholera bis zur Lepra, prägten das gesamte Mittelalter. Unzählige Menschen fielen ihnen zum Opfer. Im 14. Jahrhundert hatten Pestausbrüche ganz Europa im Griff. Die Menschheit lebte jedoch nicht nur in Angst und Schrecken vor Seuchen, sondern auch vor Hungersnöten und Feuersbrünsten. So erklären sich vor allem an Kirchenfassaden die vielen Abbildungen von fratzenhaften Gestalten und Teufeln, die die Menschen bedrohen und ihnen Furcht und Schrecken einjagen. Da Seuchen und Katastrophen als Strafe Gottes galten, gingen die Menschen auf Pilgerschaft und beteten um Gottes Erbarmen. Es war die Zeit der Geißler und des Büßertums.

82 Saint-Père-sous-Vézelay Portal außen

Das Mittelalter war auch die Zeit der immerwährenden Kriege, in denen die Herrscherhäuser ihre Machtansprüche ausfochten, während ihre Untertanen die dunklen Zeiten erleiden mussten. Angesichts der grausamen Kriege verrohten auch die Menschen.

Die Brücken von Pierre-Perthuis und das Schloss von Bazoches

Den nächsten Stopp in Richtung Süden legen wir in Pierre-Perthuis ein. Den Camper lassen wir im Ort stehen und spazieren entlang des Fußweges zu den beiden Brücken über den Fluss Cure. Die kleinere Steinbrücke stammt aus dem Jahre 1770, die große, hohe Brücke wurde 1874 erbaut. Die Flußaue wirkt romantisch, mit schattigen Picknickplätzen und Wanderwegen, die durch gewaltige Eichen- und Buchenwälder führen.

83 Pierre-Perthuis Brücken

Zum Wandern fehlt uns die Zeit. Wir steuern unser nächstes Ziel, den Ort Bazoches, an. Hier steht das Schloss einer berühmten französischen Persönlichkeit, Marschall von Vauban (1633 bis 1707). Vauban war der Festungsbaumeister Ludwig XIV. und federführend in der Weiterentwicklung der Militärarchitektur. Neben seinen Tätigkeiten als Architekt und Ingenieur betätigte er sich auch als Stadtplaner. Sein Grab befindet sich in der Dorfkirche, allerdings ohne sein Herz, das im Pariser Invalidendom beigesetzt ist.

93 Bazoches Kirche Grabplatte Vauban

Die Besichtigung des oberhalb des Dorfes gelegenen Schlosses, das aus dem 12. Jahrhundert stammt und von Vauban modernisiert wurde, ist die 9,00 Euro Eintrittspreis wert. Die Inneneinrichtung ist original erhalten. Wir spazieren durch die Repräsentationsräume, das Speisezimmer, die Bibliothek, das Arbeits- und Schlafzimmer. Auch die schöne Gartenanlage gilt es zu besichtigen. Leider müssen wir uns sputen; es ist schon später Vormittag und die Anlage schließt um zwölf Uhr.

86 Bazoches Schloss außen
87 Bazoches Schloss Rüstungen

Parc Regional du Morvan

Gerade dann, als wir den Parc Regional du Morvan erreichen, verdunkelt sich der Himmel immer mehr und bald gießt es in Strömen. Gemein. Der Morvan, ein Ausläufer des Zentralmassivs, besteht aus riesigen Wäldern, davon achtzig Prozent Mischwald. Hier wachsen hauptsächlich Eichen und Buchen, aber auch Pappeln, Eschen und andere Baumarten. Das Gebiet ist wasserreich: Neben Waldseen durchfließen die Yonne mit ihren Nebenflüssen Cure, Serein und Armançon, die Loire und die Saône die Berge.

Über Lorme erreichen wir den See Pannesière. Wir steuern den Campingplatz Municipale Montigny-en-Morvan an, der leider keine Mobilhomes zu vermieten hat. Die wären bei dem schlechten Wetter schon angesagt. Wir machen uns auf die Suche nach zwei weiteren Campingplätzen in der Region, die aber um diese Jahreszeit bereits geschlossen sind. Pech! Nachdem wir den ganzen Nachmittag bei strömenden Regen durch die zwar wunderschöne, doch heute sehr nasse Bergwelt des Morvan mit Mischwald und Farnen gegondelt sind, landen wir völlig entnervt wieder an unserem Ausgangspunkt, dem Municipale Motigny-en-Morvan. Wir finden einen schönen Stellplatz unter einem großen Eichenbaum.

95 Parc Regional du Morvan

Und siehe da: Der Himmel hellt auf, die Regenwolken verziehen sich und wir können zu einem Spaziergang am Pannesière-Stausee aufbrechen. Der See hat sehr wenig Wasser. Die Angler erzählen uns, es habe dieses Jahr sehr, sehr wenig geregnet. Es herrsche Wasserknappheit. Zum Abendessen können wir schon wieder im Freien sitzen, allerdings wird es bald recht frisch und wir verziehen uns in den Camper.

96 Lac Pannesière Niedrigwasser

Der nächste Morgen ist kalt! Nur 7 °C. Wir frühstücken in dicken Jacken. Wie auf jedem französischen Campingplatz bekommt man auch hier zum Frühstück frisches Baquette und Croissants. Heute ruft der Bäcker mit lauter Hupe zum Einkauf. Außer uns sind nur wenige Einheimische zum Angeln am See. An jedem Gewässer, an dem wir waren, egal ob Teich, Fluss oder See, überall haben Franzosen ihre „Schnürln gwaschn“, wie man in Bayern sagt. Angeln ist – neben Boule – der französische Volkssport. Unsere Nachbarn praktizieren beides, vormittags angeln, nachmittags Boule.

Als die Sonne höher steigt und die Luft wärmt, steigen aus dem See Nebelschwaden auf. Die Badesaison ist endgültig vorbei, die Badesachen bleiben eingepackt. Wir verbringen den Tag mit Spaziergängen und ausruhen.

94 Lac Pannesière

Zur Brotzeit gibt es einen burgundischen Käse namens Epoisses. Was haben wir uns da für einen Stinker in den Kühlschrank gelegt! Wir lesen, der Fettanteil beträgt fünfzig Prozent. Deshalb schmeckt er so lecker. „Erfunden“ wurde der Epoisses im 15. Jahrhundert – wann sonst – von den Zisterziensern, „ein deftiger Käse mit gewaschener Rinde“ in gelb, eine Spezialität Burgunds. Ein anderer sehr leckerer Käse ist der Duc de bourgogne. Unbedingt probieren.

Als wir am nächsten Morgen in Richtung der Weinstadt Béaune aufbrechen, ist es wieder wärmer geworden, regnet aber immer noch leicht. Wir fahren durch die Wälder des Morvan und erreichen das Städtchen Château-Chinon, wo der spätere französische Staatspräsident François Mitterand von 1959 bis 1981 Bürgermeister war.

Autun

Nun haben wir den Movran hinter uns gelassen und legen in Autun einen kurzen Stopp ein. Bereits im späten 2. Jahrhundert soll es hier eine christliche Gemeinde gegeben haben.  Die Gebeine des heiligen Nazaire oder Lazarus, Bruder von Maria Magdalena, wurden hier in der Kathedrale Saint-Lazare aufbewahrt. Lazarus war der Heilige der Leprakranken. Die gewaltige, dreischiffige Basilika mit ihrem spitz zulaufenden Turm liegt am höchsten Platz der Stadt. Ihre Fassade ist reich geschmückt, an den figürlichen Darstellungen des Tympanons kann man sich kaum sattsehen. Die Abbildungen an den Kapitellen im Innern der Kirche erzählen ganze Geschichten wie beispielsweise die Flucht nach Ägypten. Die Kirche wurde 1130 anlässlich des Besuchs Papst Innozenz II. eingeweiht. 

Eines der mittelalterlichen Häuser nahe des Doms ist das Geburtshaus von Nicolas Rolin (1376–1462), des späteren Kanzlers Herzog Philipp des Guten von Burgund, dessen Hospiz-Stiftung wir in Béaune noch besichtigen werden.

Béaune

Dass es sich bei Béaune nicht nur um eine Weinstadt, sondern um die Weinstadt Burgunds handelt, wird einem schon bei der Fahrt durch das Herz des burgundischen Weinanbaus Côte d'Or klar. Soweit das Auge entlang der Straße des Gran-Cru reicht: Weinberg an Weinberg. Die meisten Weinstöcke sind schon abgeerntet, an manchen hängen noch saftige Trauben in weiß und rot.

97 Cote d'Or

Unser Ziel ist der Camping Municipale Béaune. Er ist nicht so idyllisch gelegen wie unsere bisherigen Campingplätze, dafür aber nur zehn Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt. Abends wird Ratatouille gekocht. Kaum gegessen und das Geschirr gespült, kommt ein echt heftiger Sturm mit starkem Regen auf, so dass wir in den Camper flüchten.

Am nächsten Morgen ist der Himmel wieder klar, aber es hat merklich abgekühlt. Wir machen uns auf den Weg ins Zentrum. Gleich nach Durchschreiten des Stadttors geht es rechts in die große, recht edel aufgemachte, berühmte Kellerei Patriarche. Wir erstehen drei Flaschen Rotwein in verschiedenen Preislagen für jeweilige Gelegenheiten, eine Flasche Sekt, der erst Silvester geköpft werden soll und ein Fläschchen Rotweinessig. Später zurück in München stellen wir fest, dass wir natürlich von allem viel zu wenig gekauft haben.

99 Béaune Kellerei Patriarche

Nun geht’s durch die Altstadtstraßen mit ihren vielen Restaurants und Weinhandlungen zum Hôtel-Dieu-Hospiz (www.hospices-de-beaune.com), der Attraktion von Béaune.

Betritt man den Innenhof des ehemaligen Hospiz', stockt einem beim Anblick der bunt leuchtenden Dächer mit ihren Giebeln und Türmchen vor Überraschung der Atem, selbst wenn man diese Dächer schon auf etlichen Fotos gesehen hat. Nicolas Rolin (1376–1462), der Kanzler des burgundischen Herzogs Philipp des Guten, hatte 1443 diesen „Palast der Armen“ gestiftet, ein prächtig ausgestattetes Hospital, erbaut im Stil flämischer Gotik. Der super reiche Rolin und seine Gattin Guigone wollten sich mit dieser noblen Spende ihr Seelenheil sichern. Er muss ja sehr viel gesündigt haben, wenn er so enorme Summen springen ließ. Ablasshandel nannte man das, ein Reinwaschen der Seelen mittels Geld. Neben dem Hospiz wurde der Stiftung auch ein Weinberg vermacht, dessen Einnahmen das Hospiz finanziell absicherte.

104 Béaune Hospiz Innenhof

Die museale Gestaltung ist vorbildlich; man kann sich von einem Audio Guide auf Deutsch durch die Räume führen lassen.

103 Béaune Hospiz Dächer

Das Hospiz ist noch original möbliert, insbesondere die Krankensäle bestechen durch ihre Authentizität. Beeindruckend das Tonnengewölbe, errichtet mit Paneelen aus Kastanienholz, aus dessen Stützbalken Drachen ragen. Zu besichtigen sind auch die Kapelle, die Küche, die Apotheke, ein kleines Labor zur Herstellung von Medizin und weitere Säle. Im letzten Raum befindet sich ein Museum mit Truhen, Schränken, Wandteppichen und dem Polyptychon des Jüngsten Gerichts von Rogier van der Weyden (1399 bis 1464), das einst die Kapelle schmückte.

106 Báune Hospiz Krankensaal Betten

Es heißt, im Winter waren die Säle bis auf maximal 14° C heizbar und die ausgestellten medizinischen Geräte erinnern an Folterwerkzeuge. Die Vorstellung, im Mittelalter hier behandelt worden zu sein, ist nicht wirklich beruhigend. Aderlass, Anbohrungen des Schädels und Schröpfköpfe waren die Heilmethoden. Und dann fallen uns die heilkundigen Frauen ein, deren Wissen nicht gewürdigt wurde und die gejagt von der Inquisition als Hexen am Scheiterhaufen endeten.

109 Béaune Hospiz Labor

Nach der Hospiz-Besichtigung spazieren wir durch die Altstadt von Béaune. Wunderschöne gotische Fassaden, offene Innenhöfe, plätschernde Brunnen. Und wie so häufig in burgundischen Städten findet sich auf einem der Hauptplätze ein Kinderkarussell. Und natürlich neben den Weinhandlungen Cafés und Restaurants für alle Geschmäcker und Geldbeutel. Also feiern auch wir unseren letzten Tag in Burgund mit einem exzellenten Mittagsmenü (famule du midi) zu je 19 Euro bestehend aus verlorenen Eiern und Pilzen in Rotweinsauce, Kaninchenbraten bzw. Schwerfisch und als Dessert ein Tiramisu. Dass uns der Kellner zuerst für blöde Touristen hielt, denen er anstatt des Mittagsmenüs ein Essen à la carte andrehen wollte – geschenkt. Unterwegs kaufen wir noch Baguette und Käse für das Abendessen. Voilà – so soll Frankreich sein!

112 Béaune Brunnen

Unser Burgund-Besuch neigt sich dem Ende zu. Morgen treten wir die Heimreise an. Und einen Liebesroman von Colette (1873 bis 1954), eine der bedeutendsten Schriftstellerin Burgunds, habe ich inzwischen auch ausgelesen. Es ging wie fast in all ihren Roman um die leidenschaftliche Liebe einer Frau, die mit der Gefühlskälte des Mannes zu kämpfen hat. Wieder zuhause erwachen bei einem Kinobesuch Burgund-Erinnerungen: In dem Film Colette wird die verwegene, burgundische Schriftstellerin von Keira Knightley dargestellt (Regie Wash Westmoreland, USA/GB, 2018). Wie sagte Colette: „Faites des bêtises, mais faites-les avec enthousiasme!“ („Mach Dummheiten, aber mache sie mit Begeisterung!“).

33 Flavigny-sur-Ozerain Fenstergestalt
[Gutsche] [Reiseberichte] [Europa] [BURGUND] [Anreise] [ITALIENREISEN] [BALKAN] [Kontakt]